Farbmaus
Fachartikel des Nagetierschutzvereins Plauen
Die Farbmaus (Mus musculus f. domestica) ist die domestizierte, in vielen Farben und Fellvarianten gezüchtete Form der Hausmaus. Sie gehört zur Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) und wird seit Jahrhunderten als Heimtier gehalten. Farbmäuse sind hochsoziale, bewegungsfreudige und neugierige Tiere mit ausgeprägtem Kletter-, Grab- und Nagebedürfnis. Sie leben in Gruppen, sind über Tag und Nacht in mehreren Phasen aktiv und erreichen ein Alter von etwa anderthalb bis zweieinhalb Jahren.
Für die Heimtierhaltung eignen sich Farbmäuse vor allem als Beobachtungstiere. Sie werden mit Geduld zutraulich, sind aber keine Kuscheltiere. Eine tiergerechte Haltung erfordert eine Gruppe, ein großes, dreidimensional nutzbares Gehege mit tiefem Grabbereich und eine abwechslungsreiche Ernährung.
1Systematik und Herkunft
1.1Wildform
Die Stammform der Farbmaus ist die Hausmaus (Mus musculus). Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet liegt in den Steppen- und Halbwüstengebieten Asiens. Als Kulturfolger hat sie den Menschen seit der Sesshaftwerdung begleitet und ist heute nahezu weltweit verbreitet. Wilde Hausmäuse leben in Familienverbänden aus einem dominanten Männchen, mehreren Weibchen und deren Nachwuchs, die ein gemeinsames, mit Urin markiertes Revier bewohnen.
Farbmäuse unterscheiden sich von ihren wilden Verwandten vor allem in Fellfarbe, Zahmheit und Fluchtbereitschaft. Die grundlegenden Bedürfnisse – Leben in der Gruppe, Graben, Klettern, Erkunden und Verstecken – sind jedoch unverändert erhalten geblieben.
1.2Domestikation und Geschichte
Die Haltung und gezielte Zucht farbiger Mäuse ist aus China und Japan über Jahrhunderte belegt. In Japan erschien bereits im 18. Jahrhundert eine Anleitung zur Zucht von Farbmäusen. Im 19. Jahrhundert gelangten solche Tiere nach Europa, wo sich vor allem in England eine Liebhaberzucht mit eigenen Vereinen und Ausstellungen entwickelte.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Farbmäuse aus Liebhaberzuchten zum Ausgangsmaterial der Labormaus. Labormäuse und Heimtier-Farbmäuse sind daher eng verwandt. Die Erkenntnisse aus der Versuchstierkunde zu Verhalten und Bedürfnissen der Maus fließen heute auch in die Empfehlungen für die Heimtierhaltung ein.
2Merkmale
2.1Körperbau
Farbmäuse haben einen schlanken Körper, einen spitz zulaufenden Kopf mit großen, dunklen oder roten Augen, große, fast unbehaarte Ohren und einen langen, nur spärlich behaarten Schuppenschwanz. Der Schwanz dient dem Gleichgewicht beim Klettern und der Wärmeabgabe. Die Haut des Schwanzes ist sehr empfindlich und kann abreißen, wenn eine Maus daran festgehalten wird.
Weibchen haben zehn Zitzen, die in fünf Paaren an Brust und Bauch angeordnet sind. Böcke sind meist etwas größer und schwerer; ihre Hoden sind ab etwa der vierten Lebenswoche sichtbar. Die Geschlechtsbestimmung erfolgt über den Abstand zwischen After und Genitalöffnung, der bei Böcken deutlich größer ist.
2.2Gebiss
Wie alle Nagetiere besitzt die Farbmaus in Ober- und Unterkiefer je zwei Nagezähne (Incisivi), die lebenslang nachwachsen und sich durch Nagen gegenseitig abnutzen. Eckzähne und Vorbackenzähne fehlen; auf eine Lücke (Diastema) folgen je Kieferhälfte drei Backenzähne, die nicht nachwachsen. Das ergibt 16 Zähne. Gesunde Nagezähne sind gelblich gefärbt. Zu lange oder schief wachsende Nagezähne verhindern die Futteraufnahme und müssen tierärztlich behandelt werden.
2.3Sinnesleistungen
Mäuse orientieren sich vorwiegend über Geruch, Gehör und Tastsinn. Ihr Sehvermögen ist schwach ausgeprägt; sie sehen wenig scharf, nehmen aber Bewegungen und ultraviolettes Licht wahr. Rotäugige Mäuse sehen noch schlechter als dunkeläugige.
- Geruch: Über Duftstoffe im Urin erkennen Mäuse Gruppenmitglieder, Geschlecht, Rang und Fortpflanzungszustand. Deshalb verursacht eine zu gründliche Reinigung des Geheges Stress.
- Gehör: Mäuse hören bis weit in den Ultraschallbereich und verständigen sich zum Teil in Frequenzen, die für Menschen unhörbar sind. Männchen erzeugen bei der Balz komplexe Ultraschall-„Gesänge“.[1] Geräte, die Ultraschall abgeben (Monitore, Netzteile, Marderschreck), können Mäuse stören.
- Tastsinn: Die langen Tasthaare (Vibrissen) an der Schnauze dienen der Orientierung im Dunkeln und in engen Gängen.
2.4Farbschläge und Fellvarianten
Durch Zucht sind zahlreiche Farbschläge entstanden, etwa wildfarben (agouti), schwarz, schokoladenbraun, beige, champagner, rotäugig-weiß, Siam- und Himalaya-Zeichnung sowie gescheckte und gebänderte Varianten. Daneben gibt es Fellvarianten wie Satin (glänzend), Langhaar, Rex (gelockt) und Kurzhaar. Farbe und Fellstruktur haben bei gesunden Varianten keinen Einfluss auf die Haltungsansprüche.
2.5Qualzuchtmerkmale
Einige Zuchtformen sind mit Leiden verbunden und gelten nach Einschätzung von Tierärzten und Tierschutzorganisationen als tierschutzrelevant im Sinne des Qualzuchtverbots (§ 11b TierSchG).[2] Dazu zählen:
- Tanzmäuse, deren typisches Kreisen und Kopfschütteln auf einen erblichen Defekt des Innenohrs zurückgeht,
- Nacktmäuse ohne schützendes Fell und mit eingeschränkter Wärmeregulation,
- gelbe Mäuse bestimmter Erblinien, bei denen das verantwortliche Gen reinerbig tödlich ist und mischerbig zu Fettleibigkeit und Stoffwechselstörungen führt.
Der Verein rät von der Anschaffung solcher Tiere aus Zuchten ab. Bereits lebende Tiere verdienen selbstverständlich ein gutes Zuhause.
3Verhalten
3.1Aktivitätsrhythmus
Farbmäuse haben über den Tag verteilt mehrere Aktivitäts- und Ruhephasen. Der Schwerpunkt liegt in der Dämmerung und in der Nacht; rangniedere Tiere sind oft auch tagsüber aktiv. In ihren Wachphasen legen Mäuse erstaunliche Strecken zurück, klettern, graben und erkunden ihre Umgebung.
3.2Sozialverhalten und Rangordnung
Mäuse leben in Gruppen mit einer Rangordnung. Gruppenmitglieder schlafen gemeinsam im Nest, putzen sich gegenseitig (soziale Fellpflege) und wärmen sich. Rangklärungen äußern sich durch Jagen, Aufreiten, Putzen des Rangniedrigeren und Schwanzrasseln; sie sind normal, solange keine blutigen Verletzungen entstehen. Einzeln gehaltene Mäuse zeigen häufiger Verhaltensstörungen und Stressanzeichen.[3]
Erwachsene, unkastrierte Böcke sind untereinander meist unverträglich und kämpfen um Rang und Revier, teils mit schweren Verletzungen. Weibchen leben dagegen in der Regel friedlich zusammen.
3.3Kommunikation
Mäuse verständigen sich über Duftmarken (Urin, Drüsensekrete), Laute und Körpersprache. Hörbares Piepsen oder Quietschen tritt meist bei Rangeleien oder Schreck auf; der größte Teil der Lautäußerungen liegt im Ultraschallbereich. Das schnelle Vibrieren des Schwanzes gegen den Untergrund – das Schwanzrasseln – zeigt Erregung, Drohung oder Unsicherheit an.
3.4Komfort- und Erkundungsverhalten
Zum natürlichen Verhaltensrepertoire gehören ausgiebige Fellpflege, der Bau von Nestern aus weichem Material, das Anlegen von Gängen und Kammern im Boden, das Klettern an Ästen und Seilen, das Nagen sowie das Verstecken und Suchen von Futter. Ein Gehege muss all diese Verhaltensweisen ermöglichen.
3.5Verhaltensstörungen
In zu kleinen oder reizarmen Gehegen entwickeln Mäuse Stereotypien – gleichförmig wiederholte Bewegungen ohne erkennbaren Zweck, etwa Kreisrennen, Rückwärtssalti, Hochspringen an derselben Stelle oder dauerhaftes Gitternagen. Ebenfalls ein Warnzeichen ist das Barbering, bei dem Mäuse sich gegenseitig Fell und Tasthaare abknabbern. Stereotypien bilden sich oft nicht vollständig zurück, auch wenn die Haltung verbessert wird; umso wichtiger ist eine tiergerechte Haltung von Anfang an.
4Fortpflanzung und Entwicklung
4.1Zyklus und Paarung
Weibliche Mäuse haben einen Sexualzyklus von etwa vier bis fünf Tagen und sind das ganze Jahr über fortpflanzungsfähig. Unmittelbar nach einer Geburt werden sie erneut empfängnisbereit (Post-partum-Östrus). Ein Weibchen kann daher säugen und gleichzeitig wieder trächtig sein.
4.2Trächtigkeit und Geburt
Die Tragzeit beträgt 19 bis 21 Tage. Die Geburt erfolgt meist nachts im Nest; ein Wurf umfasst in der Regel fünf bis zehn, gelegentlich bis zu 14 Junge. Trächtige Weibchen benötigen Ruhe, reichlich Nistmaterial und etwas mehr eiweißreiche Nahrung.
4.3Entwicklung der Jungtiere
Die Jungen kommen nackt, blind und taub zur Welt. Nach etwa einer Woche wächst das Fell, die Augen öffnen sich um den 12. bis 14. Lebenstag. Mit etwa drei Wochen fressen die Jungtiere selbstständig. Spätestens mit vier Wochen müssen junge Böcke von Mutter und Schwestern getrennt werden, da die Geschlechtsreife sehr früh eintritt.
4.4Vermehrung vermeiden
Unkontrollierte Vermehrung führt in kurzer Zeit zu Dutzenden Tieren, für die kaum Plätze zu finden sind. Der Verein rät Privathaltern grundsätzlich von der Zucht ab. Gemischte Gruppen sind nur mit einem kastrierten Bock möglich. Tiere aus dem Handel sollten tierärztlich auf ihr Geschlecht untersucht werden, da Fehlbestimmungen häufig sind.
5Haltung
5.1Gruppenzusammensetzung
Farbmäuse dürfen niemals einzeln gehalten werden. Auch zwei Tiere sind zu wenig, weil beim Tod eines Tieres das andere allein zurückbleibt. Empfehlenswert sind Gruppen ab drei, besser vier bis acht Tieren.[3]
- Weibchengruppe: die einfachste Form, meist harmonisch und geruchsarm.
- Weibchen mit einem kastrierten Bock: sehr bewährt; der Kastrat bringt oft Ruhe in die Gruppe.
- Unkastrierte Böcke sind als Erwachsene untereinander meist unverträglich und markieren stark. Sie sollten kastriert und mit Weibchen vergesellschaftet werden.
Nach der Kastration bleibt ein Bock noch einige Wochen zeugungsfähig. Die Wartezeit bis zum Zusammensetzen mit Weibchen ist mit der Tierarztpraxis abzusprechen; üblich sind etwa vier bis sechs Wochen.
5.2Gehegegröße
Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz nennt als Mindestmaß für eine kleine Gruppe 80 × 50 × 80 cm (Länge × Tiefe × Höhe).[3] Viele Tierschutzorganisationen halten dieses Maß für knapp bemessen. Der Verein empfiehlt für vier bis fünf Mäuse eine Grundfläche ab 100 × 50 cm bei mindestens 60 cm Höhe mit mindestens einer Zwischenebene; für jedes weitere Tier deutlich mehr Fläche. Grundsätzlich gilt: je größer und strukturierter, desto besser.
| Größe der Gruppe | Grundfläche (Empfehlung) | Höhe |
|---|---|---|
| 3–5 Tiere | ab 100 × 50 cm | ab 60 cm |
| 6–8 Tiere | ab 120 × 60 cm | ab 60–80 cm |
| mehr als 8 Tiere | entsprechend größer oder mehrere verbundene Bereiche | ab 80 cm |
5.3Gehegebauform und Material
Bewährt haben sich Holz- oder Glasterrarien mit großflächiger Gitterbelüftung sowie Eigenbauten mit Glasfront. Der untere Teil sollte geschlossen und mindestens 25–40 cm hoch sein, damit tiefe Einstreu Platz hat; der obere Teil besteht aus Gitter oder Volierendraht. Der Gitterabstand darf höchstens 5–7 mm betragen, für Jungtiere höchstens 5 mm.[4]
Reine Aquarien und handelsübliche „Nagarien“ mit nur einem Gitterdeckel sind wegen der unzureichenden Luftzirkulation ungeeignet: Ammoniak aus dem Urin sammelt sich am Boden und schädigt die Atemwege. Holzflächen sollten mit speichelfestem Spielzeuglack oder Epoxidharz gegen Urin versiegelt werden. Etagen und Rampen bestehen aus massivem Material, nicht aus Gitter.
5.4Standort und Raumklima
- Ruhiger, heller Raum ohne direkte Sonneneinstrahlung, nicht neben Heizkörpern, zugfrei
- Raumtemperatur etwa 18–24 °C, keine starken Schwankungen
- Gehege erhöht aufstellen (Tisch- oder Schrankhöhe) – Bewegungen von oben lösen bei Mäusen Fluchtreaktionen aus
- Abstand zu Fernsehern, Lautsprechern, Monitoren und anderen Ultraschallquellen
- Kein Tabakrauch, keine Duftkerzen, Raumsprays oder ätherischen Öle
- Schlafzimmer sind wegen der nächtlichen Aktivität meist ungeeignet
5.5Einrichtung
- Einstreu
- Staubarme Kleintierstreu, Hanf- oder Leinstreu, gemischt mit Heu. Mindestens ein Bereich sollte 15–20 cm tief eingestreut sein, damit die Mäuse stabile Gänge graben können.
- Häuser und Verstecke
- Mindestens ein Unterschlupf pro Maus, dazu Korkröhren, Kokosnussschalen, Wurzeln und Heutunnel.[4] Naturmaterialien sind Kunststoff vorzuziehen.
- Nistmaterial
- Heu sowie ungefärbtes, unparfümiertes Küchen- oder Toilettenpapier. Keine Kunstfaser-„Nagerwatte“.[5]
- Laufrad
- Geschlossene Lauffläche ohne Sprossen, Durchmesser mindestens 20 cm, besser 25 cm. Der Rücken muss beim Laufen gerade bleiben.
- Klettermöglichkeiten
- Äste ungespritzter Obstbäume, Hasel, Buche oder Weide; Naturseile, Brücken, Leitern, Zwischenebenen.
- Nagematerial
- Zweige, unbedruckte Pappe, Heu, Holz.
- Futter- und Wasserstelle
- Schwere Keramiknäpfe; Wasser im Napf und/oder in einer Nippeltränke.
- Ergänzungen
- Sandbad mit Chinchillasand, Buddelkiste mit ungedüngter Erde oder Kokoshumus, Kühlplatten aus Stein oder Ton für warme Tage.
5.6Auslauf
Auslauf außerhalb des Geheges ist eine willkommene Abwechslung, ersetzt aber kein ausreichend großes Gehege. Er sollte in einem ausbruchssicheren Bereich stattfinden – etwa auf einer Tischfläche mit hohem Rand oder in einem Auslaufgehege. Mäuse passen durch Spalten ab etwa 6–7 mm und sind in einer Wohnung kaum wieder einzufangen.
6Ernährung
Farbmäuse sind Allesfresser mit Schwerpunkt auf Samen. Die Nahrung setzt sich aus einem Körnerfutter als Grundlage, täglichem Frischfutter und regelmäßig tierischem Eiweiß zusammen.
6.1Grundfutter
Eine hochwertige Mäusemischung besteht aus verschiedenen Hirsesorten, Getreide, Gras- und Kräutersamen sowie wenigen ölhaltigen Saaten (z. B. Sonnenblumenkerne, Hanf). Ungeeignet sind Mischungen mit Zucker, Honig, Farbstoffen, gepressten Pellets oder hohem Anteil an Johannisbrot. Als Richtwert gilt etwa ein gestrichener Teelöffel pro Maus und Tag; die Menge wird so bemessen, dass nach einem Tag kaum etwas übrig bleibt.
6.2Frischfutter
Täglich in kleinen Mengen:
- Gemüse: Gurke, Paprika, Möhre, Fenchel, Zucchini, Chicorée, Brokkoli (wenig)
- Kräuter und Wiesenpflanzen: Petersilie, Dill, Basilikum, Löwenzahn, Vogelmiere, frische Gräser
- Obst: nur gelegentlich und in sehr kleinen Stücken, etwa Apfel, Birne oder Beeren
Frischfutterreste werden täglich entfernt, da Mäuse Futter verstecken und es sonst verdirbt.
6.3Tierisches Eiweiß
Ein- bis zweimal pro Woche erhalten Farbmäuse eine kleine Portion tierisches Eiweiß: Mehlwürmer (getrocknet oder lebend), Heimchen, ein Stück ungewürztes hartgekochtes Ei oder etwas Magerquark. Trächtige und säugende Weibchen sowie Jungtiere benötigen etwas mehr.
6.4Wasser
Frisches Wasser muss jederzeit verfügbar sein und täglich erneuert werden. Ein standfester Napf ermöglicht eine natürliche Trinkhaltung; eine Nippeltränke bleibt sauberer. Viele Halter bieten beides an.
6.5Ungeeignete und giftige Nahrung
- Zwiebeln, Lauch, Knoblauch, Avocado, Rhabarber
- rohe Bohnen, rohe Kartoffeln und grüne Kartoffelteile
- Schokolade, Süßigkeiten, gesalzene, gewürzte oder fettige Speisereste
- Joghurtdrops, Honig-Knabberstangen und ähnliche Leckerlis aus dem Handel
- giftige Pflanzen wie Efeu, Dieffenbachie, Oleander, Eibe, Maiglöckchen
7Pflege
7.1Reinigung des Geheges
Da Mäuse ihr Revier über Geruch kennzeichnen, wird das Gehege in Teilen und nicht auf einmal gereinigt.
| Intervall | Aufgabe |
|---|---|
| täglich | Wasser erneuern, füttern, Frischfutterreste entfernen, Tiere kurz beobachten |
| wöchentlich | Pinkelecken und stark verschmutzte Stellen säubern, Näpfe heiß ausspülen |
| alle 2–4 Wochen | größere Teilreinigung; ein Drittel bis die Hälfte der alten Einstreu und das Nistmaterial bleiben im Gehege |
Zum Reinigen genügen heißes Wasser und bei Bedarf verdünnter Essig. Duft- und Desinfektionsreiniger reizen die Atemwege und zerstören die Geruchsmarken.
7.2Gesundheitskontrolle und Wiegen
Beim täglichen Füttern sollten alle Tiere kurz gesehen werden. Einmal pro Woche empfiehlt sich das Wiegen mit einer digitalen Küchenwaage in Grammschritten. Ein Gewichtsverlust von mehr als etwa zehn Prozent innerhalb kurzer Zeit ist ein Grund für einen Tierarztbesuch. Bei älteren Tieren lohnt sich zusätzlich das vorsichtige Abtasten auf Knoten.
8Gesundheit und Krankheiten
Mäuse sind Beutetiere und verbergen Schwäche so lange wie möglich. Sichtbare Symptome bedeuten deshalb oft eine bereits fortgeschrittene Erkrankung. Eine Tierarztpraxis mit Kleinsäugererfahrung sollte schon vor dem Einzug der Tiere bekannt sein.
8.1Krankheitszeichen erkennen
- aufgeplustertes, struppiges Fell und gekrümmte Sitzhaltung
- Teilnahmslosigkeit, Absondern von der Gruppe, verringerte Futteraufnahme
- Niesen, Schniefen, rasselnde oder angestrengte Atmung
- verklebte Augen oder Nase, Durchfall, verschmutzte Afterregion
- Kopfschiefhaltung, Gleichgewichtsstörungen, Lähmungen
- Gewichtsverlust, Umfangsvermehrungen, Wunden, Juckreiz
8.2Atemwegserkrankungen
Infektionen der Atemwege, häufig unter Beteiligung von Mykoplasmen, gehören zu den häufigsten Erkrankungen. Begünstigt werden sie durch Ammoniak aus verschmutzter Einstreu, Staub, Duftstoffe, Zugluft und Stress. Typisch sind Niesen, Schnarch- und Rasselgeräusche. Atemwegserkrankungen sollten immer tierärztlich behandelt werden; eine gute Belüftung und staubarme Einstreu beugen vor.
8.3Tumoren
Mit zunehmendem Alter treten häufig Tumoren auf, insbesondere Gesäugetumoren bei Weibchen. Diese können an nahezu jeder Stelle von der Achsel bis zur Leiste entstehen. Knoten sollten früh tierärztlich abgeklärt werden, da kleine Tumoren besser operierbar sind.
8.4Parasiten und Hauterkrankungen
Milben und Pelzmilben verursachen Juckreiz, Kratzwunden und kahle Stellen, vor allem an Kopf, Nacken und Rücken. Hautprobleme können auch durch Rangkämpfe, Barbering oder Allergien entstehen. Die Behandlung erfolgt tierärztlich; zugleich sollten Einrichtung und Einstreu gewechselt werden.
8.5Zahnprobleme
Fehlstellungen oder Verletzungen der Nagezähne führen dazu, dass diese ungehindert weiterwachsen. Die Tiere können dann nicht mehr richtig fressen und magern ab. Die Zähne müssen tierärztlich gekürzt werden; Knipsen mit einer Zange ist wegen der Gefahr von Zahnsplitterungen nicht mehr üblich.
8.6Weitere Erkrankungen
- Kopfschiefhaltung: meist Folge einer Innenohrentzündung; schnelle Behandlung verbessert die Aussichten.
- Durchfall: durch Futterumstellung, verdorbenes Futter oder Infektionen; bei so kleinen Tieren schnell lebensbedrohlich.
- Verletzungen: Bisswunden aus Rangkämpfen, Schwanzverletzungen durch falsches Hochheben.
- Übergewicht: durch zu fettreiches Futter und zu wenig Bewegung.
8.7Tierarzt und Notfall
- angestrengter Atmung oder Atmen mit offenem Maul
- Futterverweigerung über mehr als einen halben Tag
- Apathie, Kältegefühl, Taumeln oder Krämpfen
- Durchfall, Blut im Urin oder Kot
- Bisswunden und stark blutenden Verletzungen
Für den Transport eignet sich eine kleine, gut belüftete Box mit etwas Einstreu und Nistmaterial aus dem Gehege. Kranke Tiere sollten nach Möglichkeit mit einem Gruppenmitglied transportiert werden, um Stress zu verringern.
8.8Alter und Abschied
Ab etwa anderthalb Jahren zeigen sich Alterserscheinungen wie Gewichtsverlust, dünneres Fell und nachlassende Kletterfähigkeit. Ältere Mäuse profitieren von niedrigeren Ebenen, zusätzlichen Rampen und leicht erreichbarem Futter. Wenn ein Tier unheilbar krank ist und leidet, ist eine tierärztliche Einschläferung ein letzter Dienst am Tier. Nach dem Tod eines Gruppenmitglieds sollte geprüft werden, ob die verbliebenen Mäuse mit neuen Tieren vergesellschaftet werden müssen, damit keine Maus allein bleibt.
9Umgang und Zähmung
Farbmäuse sind in der Regel nicht bissig, aber schreckhaft. Zutrauen entsteht durch Geduld und Regelmäßigkeit.
- Eingewöhnung: In den ersten Tagen nach dem Einzug nur beobachten, ruhig sprechen und die Tiere nicht anfassen.
- Zähmung: Die flache Hand mit einem Leckerbissen ins Gehege legen und die Mäuse von sich aus kommen lassen.
- Hochheben: Mit beiden Händen schaufelnd von unten oder mithilfe einer Röhre oder Tasse. Niemals am Schwanz hochheben – die Schwanzhaut kann abreißen.
- Kinder: Mäuse sind für Kinder spannende Beobachtungstiere, aber nicht zum Herumtragen geeignet. Die Verantwortung für Versorgung und Umgang liegt immer bei Erwachsenen.
10Vergesellschaftung
Mäuse erkennen Fremde am Geruch und verteidigen ihre Gruppe. Neue Tiere werden deshalb schrittweise integriert.
- Quarantäne: Neue Tiere zwei bis drei Wochen getrennt halten und tierärztlich untersuchen lassen.
- Geruch angleichen: Nistmaterial und Einstreu zwischen den Gehegen austauschen; optional die Gruppen einige Tage durch ein Gitter getrennt nebeneinander halten.
- Neutraler Ort: Die erste Begegnung findet in einer frisch gereinigten Box statt, die keine Maus kennt, mit etwas gemischter Einstreu und mehreren Verstecken mit zwei Ausgängen.
- Umzug: Das Stammgehege vollständig reinigen und neu einrichten, bevor die gesamte Gruppe einzieht.
Normal sind Jagen, Quietschen, Aufreiten, Putzen des Neulings und Schwanzrasseln. Abgebrochen wird bei blutigen Bissen oder wenn sich Tiere ineinander verbeißen. Nach dem Abheilen kann ein neuer, langsamerer Versuch erfolgen.
11Anschaffung
11.1Eignung und Verantwortung
Vor der Anschaffung sollte geklärt sein, ob Platz für ein großes Gehege vorhanden ist, wer die Tiere im Urlaub versorgt, ob eine Tierarztpraxis mit Kleinsäugererfahrung erreichbar ist und ob im Haushalt Allergien bestehen. Farbmäuse leben nur etwa zwei Jahre; für eine dauerhafte Gruppe müssen immer wieder Tiere vergesellschaftet werden.
11.2Herkunft der Tiere
In Tierheimen, bei Notstationen und Pflegestellen warten regelmäßig Farbmäuse auf ein Zuhause – oft bereits vergesellschaftet und bei Böcken kastriert. Der Verein empfiehlt die Adoption statt des Kaufs. Tiere aus dem Handel sind häufig nicht zuverlässig nach Geschlecht getrennt; ungewollte Trächtigkeiten sind keine Seltenheit.
11.3Kosten
Die Kosten werden häufig unterschätzt. Als grobe Richtwerte gelten:
| Posten | Richtwert |
|---|---|
| Gehege und Grundausstattung | einmalig etwa 150–400 € |
| Futter, Einstreu, Heu | laufend etwa 10–25 € im Monat |
| Tierarzt (Untersuchung, Kastration, Behandlungen) | je nach Aufwand; eine Rücklage ist sinnvoll |
12Rechtliches
Nach § 2 des Tierschutzgesetzes muss, wer ein Tier hält, es seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.[2] Die Merkblätter der TVT werden von Behörden und Gerichten als Sachverständigenmaßstab zur Auslegung dieser Pflichten herangezogen. Das Aussetzen von Heimtieren ist nach § 3 TierSchG verboten. Kleintiere wie Mäuse dürfen in Mietwohnungen in der Regel ohne Zustimmung des Vermieters gehalten werden, sofern keine Belästigung oder Beschädigung entsteht.
13Häufige Irrtümer
| Irrtum | Richtig ist |
|---|---|
| „Eine Maus allein ist zahmer.“ | Einzelhaltung ist nicht tiergerecht; zahm werden Mäuse auch in der Gruppe. |
| „Mäuse brauchen wenig Platz.“ | Mäuse sind sehr bewegungsaktiv und brauchen ein großes, mehrstöckiges Gehege. |
| „Mäuse stinken.“ | Weibchengruppen riechen kaum; starker Geruch entsteht durch unkastrierte Böcke oder falsche Reinigung. |
| „Ein Nagarium ist ideal.“ | Ohne große Lüftungsflächen staut sich Ammoniak – schädlich für die Atemwege. |
| „Mäuse sind ideale Kindertiere.“ | Sie sind Beobachtungstiere; die Verantwortung liegt bei Erwachsenen. |
14Siehe auch
15Einzelnachweise
- Holy, T. E.; Guo, Z. (2005): Ultrasonic songs of male mice. PLoS Biology 3(12): e386. Online
- Tierschutzgesetz (TierSchG) in der jeweils geltenden Fassung. Online
- Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT): Merkblatt Nr. 158 – Heimtiere: Mäuse. Stand Oktober 2013. Online
- Schweizer Tierschutz STS: Merkblatt Heimtiere – Farbmaus. Online
- Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT): Merkblatt Nr. 62 – Tierschutzwidriges Zubehör in der Heimtierhaltung. Stand 2010, zuletzt geändert 2024. Online
Dieser Artikel wurde vom Nagetierschutzverein Plauen nach bestem Wissen auf Grundlage der genannten Fachquellen erstellt (Stand: September 2026). Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.








